Werbung und Werbetexte sollten nicht bescheiden sein. Wenn Sie ein gutes Produkt oder eine gute Dienstleistung anbieten, dann sollten Sie das auch kommunizieren. Bescheidenheit ist hier fehl am Platz. Mit Werbetexten wie „Unser Produkt XYZ ist gar nicht so schlecht eigentlich, vielleicht probieren Sie es mal aus. Sie müssen aber nicht, war ja nur so ‘ne Idee. Nichts für ungut“ werden Sie nicht weit kommen.

Sie dürfen auch gerne ein bisschen übertreiben, das ist völlig in Ordnung, solange Sie das mit einem Augenzwinkern tun. Aber: Lügen sollten Sie auf gar keinen Fall! Ein sehr charmantes Beispiel für diese Technik habe ich selbst vor einigen Jahren in San Francisco erlebt. Da gibt es das sogenannte „Biking-the-bridge-experience“: Man mietet ein Fahrrad und fährt damit über die Golden Gate Bridge rüber nach Sausalito; von da geht es dann mit der Fähre wieder zurück nach San Francisco. Als wir unsere Räder abholten, schob der Vermieter eine ausgedruckte Straßenkarte unter die Klarsichtabdeckung meiner Lenkertasche und sagte: „And here is your free Flatscreen Offline Navigation System“. Ein wirklich coole Bezeichnung für etwas völlig Banales!

 

Motel One: Mit pfiffigen Texten offensichtliche Schwächen kompensieren

Wer das auch gut kann, ist die Hotelkette Motel One. Deren Konzept: Geschäftsreisende und Wochenendtouristen mit billigen, aber trotzdem geschmackvollen Zimmern zu bedienen. Allerdings müssen Sie den günstigen Preis mit einem gewissen Verlust an Platz und Komfort bezahlen. Um diesen Umstand zu kaschieren, hängt in jedem Zimmer eine Art Flyer, in dem jeglicher Aspekt des Aufenthaltes nach allen Regeln der Kunst schöngeredet wird. Und das meine ich nicht negativ. Da ich gerade letzte Woche 2 Nächte in einem Motel One in München war, mache ich jetzt mal den Realitätscheck: Welche Aussage passt, welche ist charmant übertrieben und welche geht schon eher in Richtung Wahrheitsverfälschung.

WIE MAN SICH BETTET, SO TRÄUMT MAN: Träumen Sie süß – in Bettbezügen aus 100% ägyptischer Baumwolle und in bequemen und hochwertigen Boxspringbetten.

Realitätscheck: Ob die Bettbezüge wirklich aus ägyptischer Baumwolle bestehen, konnte ich nicht überprüfen. Es stimmt wahrscheinlich, aber ob die besser ist, als andere Baumwolle, wage ich zu bezweifeln. Hier dürften die Marketingleute von Motel One wohl die gleiche Technik eingesetzt haben wie McDonald’s beim Simmentaler Rind: Etwas Banales zu etwas Besonderem zu erklären. Der Schlafkomfort der Betten ist aber tatsächlich tadellos.

EIN SPA AUF KLEINSTEM RAUM: Granit und Glas sowie ein Waschtisch mit Dornbracht-Armaturen machen Ihr Bad zu einem kleinen, aber feinen Spa. Genießen Sie einen Quell der Erfrischung und Entspannung unter der Original Hansgrohe Raindance Dusche, verwöhnen Sie sich mit unserem Bio-Duschgel und trocknen Sie sich mit flauschigen Handtüchern in Luxus-Qualität ab – Wellness in 15 Minuten.

Realitätscheck: Bei aller Liebe – dieses Minibadezimmer als Spa zu bezeichnen, geht dann doch ein bisschen zu weit! Die Materialien mögen edel sein und die Handtücher waren in Ordnung (allerdings jetzt auch nicht weicher als in anderen Hotels), es ist und bleibt eine verdammt kleine Nasszelle, aus der man froh ist, wieder raus zu sein.

RAUMWUNDER: Genügend Platz für Ihr Gepäck bieten 2 Kleiderstangen und Ablagefächer, die geschickt in das Zimmerkonzept integriert sind. Freuen Sie sich auf die luftige Leichtigkeit des „begehbaren Kleiderschranks“!

Realitätscheck: Den „begehbaren Kleiderschrank“ lasse ich durchgehen, zumal hier mit einer gewissen Selbstironie der mangelnde Platz im Zimmer thematisiert wird. Aber genügend Platz bietet das Zimmer für Gepäck auch nur dann, wenn man alleine und nicht länger als 2 Nächte dort ist; ansonsten ist Leben aus dem Koffer angesagt.

IHR SCHREIBTISCH BEKOMMT BEINE: Am Fenster, im Bett, vor dem Fernseher – mit unserem mobilen Schreibtisch und kostenfreiem WLAN-Zugang können Sie dort arbeiten, wo Sie wollen. Und zum Feierabend ist die One Lounge nur eine Aufzugfahrt entfernt.

Realitätscheck: Den sogenannten Schreibtisch kann man tatsächlich frei bewegen, jedoch ist eigentlich der einzige sinnvolle Platz für ihn der, an dem er eh schon steht. Und dass ich an diesem Schreibtisch nur an einem Hocker ohne Rückenlehne sitzen kann, ist für mich als Mittvierziger mit Rückenproblemen ein echter Minuspunkt. Kostenloses WLAN ist aber da und funktioniert (was nicht immer selbstverständlich ist), und in der Lobby lässt es sich tatsächlich auch gut arbeiten.

 

Fazit: Nicht alles hält dem Faktencheck stand, aber das Gesamtpaket stimmt

Sie sehen: An einigen Stellen übertreiben die Motel-One-Leute schon arg; allerdings nimmt man ihnen das als Gast nicht übel, weil das Gesamtpaket und der günstige Preis das letztlich kompensieren. Für Sie bedeutet das: Seien Sie ruhig etwas mutiger beim Formulieren, texten Sie mit einem Augenzwinkern, aber übertreiben Sie es nicht damit. So haben Sie gute Chancen, sich von der Konkurrenz abzuheben.

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