Während ich diesen Beitrag schreibe, sitze ich gerade in einem Café in Hamburg, und – oh Wunder – draußen scheint tatsächlich die Sonne! Dass es hier in Hamburg oft regnet, ist kein Klischee, sondern für mich gefühlte Wahrheit. Aber Hamburg hat mehr zu bieten als schlechtes Wetter. Zum Beispiel ist Hamburg ja auch DIE deutsche Pressestadt, wie es Götz George in „Schtonk“, dem großartigen Film über den Hitlertagebücher-Skandal, nicht müde wird zu betonen. Hamburg gilt aber auch wegen seines Hafens und der Zugehörigkeit zur Hanse schon seit dem Mittelalter als Stadt der Kaufleute.

 

Verlässlichkeit, Anstand, Fairness

Der hanseatische Kaufmann mit seinen traditionellen Werten wie Verlässlichkeit, Anstand und Fairness wirkt heute wie die klassische Antithese zum modernen Geschäftsmann des 21. Jahrhunderts, dem es nur um den schnellen Euro zu gehen scheint und der immer dann zur Höchstform aufläuft, wenn es darum geht, noch mehr Geld aus seinem Kunden zu pressen. Muss das wirklich so sein? Oder kann man auch mit anständigem Verhalten in der knallharten Business-Welt bestehen?

 

Frag das Milchmädchen: Lohnt es sich, seine Kunden abzuzocken?

Eins ist klar: Seine Kunden abzuzocken, mag ein lukratives Geschäft sein. Zumindest so lange, bis der Kunde es merkt. Dann kann es allerdings passieren, dass die Geschäftsbeziehung komplett abbricht. Daher sollten Sie – auch ganz unabhängig von Fragen der Ethik und Moral – abwägen, ob der kurzfristige Gewinn lukrativer ist als eine langfristige Kundenbeziehung.

 

Wie ich einmal ein telefonisches Angebot annahm

Ich gebe Ihnen gerne ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Sicher kennen Sie das Business-Netzwerk XING, dass es geschäftlich tätigen Menschen ermöglicht, sich mit anderen zu vernetzen und auszutauschen. Eine gute Sache, und deshalb bin ich dort seit vielen Jahren Premium-Mitglied und lasse mich das 80 € im Jahr kosten. Kürzlich hat XING eine neue Plattform gestartet, XING Coaches. Hier können Trainer und Coaches sich und ihre Services ansprechend präsentieren. Das kostet erstmal nichts.

Wenige Wochen nachdem ich mich auf XING Coaches registriert hatte, erhielt ich einen Anruf eines freundlichen Mitarbeiters, der mir die vielen Vorteile einer Premium-Mitgliedschaft anpries, und mir diese sogar – nur für kurze Zeit – mit 50% Rabatt anbot. Auch ich als Werbetexter bin nicht gefeit vor den Verlockungen eines zünftigen Rabatts und außerdem: Wollte ich nicht eh mein Workshop-Angebot prominenter präsentieren? Lange Rede, kurzer Sinn: Bei dieser Aktion trafen ein passendes Produkt, ein unwiderstehliches Angebot und der Bedarf beim Kunden auf ideale Weise zusammen. Ich nahm das Angebot an.

 

Das böse Erwachen

Einige Tage später setzte ich mich dann hin, um meine XING Coaches Seite einzurichten. Das war auch alles ganz einfach und hat prima funktioniert – bis ich am Ende der Seite   https://coaches.xing.com/ einen Absatz entdeckte, indem XING den Begriff „Coaching“ definierte. Interessant war für mich vor allem, was im Absatz „Was ist Coaching nicht“ stand, nämlich „Beratung“ und „Training“. Dummerweise genau die zwei Tätigkeiten, die ich anbiete. Warum XING das so definiert, ist mir bis heute nicht klar; sofort klar war mir aber, dass ich unter diesen Umständen bei XING Coaches fehl am Platze war. Das teilte ich auch dem XING-Kundendienst per E-Mail mit und bat um Stornierung.

 

XINGs Devise: Kohle statt Kulanz

Nach einer Woche ohne Rückmeldung schrieb ich eine zweite Mail. Ein paar Tage später eine dritte. Und endlich erbarmte sich ein Kundendienstmitarbeiter und schrieb zurück. Die Antwort war allerdings enttäuschend: Eine Stornierung sei nicht möglich, da ich als Geschäftskunde keinen Anspruch auf die üblichen 14 Tage Widerrufsrecht bei telefonischen Verkäufen habe. Und das stimmt. Aber darum ging es ja nicht. Es ging darum, dass XING mir ein Produkt verkauft hat, mit dem ich exakt nichts anfangen kann. Ich schrieb also erneut, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass XING ernsthaft ein Interesse daran haben könnte, seinen Kunden unnütze Produkte zu verkaufen. Da hatte ich mich allerdings getäuscht – offensichtlich ist es XING wichtiger, die 300 € im Sack zu haben. Eine Stornierung aus Kulanz kam nicht infrage, auch nicht die Verrechnung des Betrags mit künftigen Mitgliedsbeiträgen.

 

Auf die Fehler seiner Kunden hoffen: Ein lukratives Geschäftsmodell?

Hat XING mit seiner Haltung Recht? Formaljuristisch auf jeden Fall! Hätte ich, bevor ich telefonisch einen Vertrag abschließe, mich vorher genauer über das Produkt informieren müssen? Natürlich – wobei ich allerdings nie auf die Idee gekommen wäre, das XING den Begriff „Coaching“ für sich so merkwürdig definiert. Aber: Mit den hanseatischen Kaufmannstugenden Verlässlichkeit, Anstand und Fairness hat dieses Geschäftsgebaren überhaupt gar nichts zu tun; das Unternehmen hat leider kein Interesse, eine Lösung im Sinne des Kunden zu finden. Und dabei sitzt XING doch in Hamburg!

 

Mein Fazit: Keinen Cent mehr für XING, so lange ich lebe

Selbstverständlich habe ich meine XING-Premium-Mitgliedschaft sofort gekündigt, was bedeutet, dass ich nicht mehr 80 € pro Jahr zahle. Sie können selber ausrechnen, ob 300 € sofort oder 80 € jährlich für die mindestens noch 20 Jahre, in denen ich beruflich tätig sein werde, die bessere Option ist. Bei XING kann offensichtlich niemand rechnen. Und übrigens: Ich bin jetzt ein halbes Jahr Mitglied bei XING-Coaches und habe darüber exakt EINE Anfrage bekommen. Von einem netten Herren aus Nigeria, der mit einen Millionenbetrag aus einer Erbschaft versprochen hat, wenn ich vorab ein paar Tausend Euro zur Deckung der anfallenden Kosten überweise. Ich glaube, das mache ich, dann hat sich meine Mitgliedschaft bei XING-Coaches am Ende doch noch gelohnt…

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